Zwischen toter Steinwüste und wucherndem Chaos: Die Führungskraft als Gärtner

7. Mai 2025
Als ich am Wochenende meinen Garten für die Aussaat vorbereitet habe, sah ich all das sogenannte Unkraut und die Rasensperren und die Maulwurfsverschrecker der Nachbarn. Und ich dachte daran, wie der Bauer in unserem Dorf demnächst wieder mit dem Glyphosat-Tank über die Felder fahren wird. Unterschiedliche Versuche, die Kontrolle über die Natur zu bekommen. Und wie wir gleichzeitig versuchen, bienenfreundliche Wiesen anzulegen, um das Ökosystem zu retten…

Mir fiel wieder ein, wie gut sich die Metapher des Gartens für einen Blick auf Unternehmen, Organisationen und Führung eignet. Denn genau wie ein Garten, ein Wald, oder jedes organische System, führen Unternehmen, beziehungsweise wirtschaftliche Systeme, ein Eigenleben. Und für Führungskräfte ist es außerordentlich hilfreich, sich auf diese Metapher wirklich einzulassen. Denn wir können hier sehr viel über Systeme, über Unternehmen und über Führung lernen.

Ein Garten, insbesondere ein Nutzgarten, erfordert ein gewisses Maß an Planung. Wir überlegen, was wir anpflanzen, was wir aussäen, und was der Markt – in diesem Fall vielleicht der Koch – braucht. Ich als Gärtner bin also der mächtige Geschäftsführer dieses kleinen organischen Systems. 

Der Einfluss des Gärtners ist begrenzt

In der alltäglichen Praxis wird aber dann sehr schnell klar, dass mein Einfluss auf dieses System nur sehr begrenzt ist. 

Es gibt zum Beispiel Jahre, in denen sich aufgrund der Wetterverhältnisse bestimmte Gemüsesorten nur sehr kümmerlich entwickeln. Dafür gibt es plötzlich wahnsinnig viele Zwetschgen, von denen in manchen Jahren aber wiederum ein Großteil von Würmern befallen ist. Immer verlässlich zu erwarten sind auch die sogenannten Schädlinge wie Schnecken, weiße Spinne, weiße Fliege oder Kohlweißlings-Raupen, die versuchen, das System von außen zu schädigen – oder zumindest ganz andere Ziele verfolgen als ich.

Ein anderer Punkt ist: Ab dem Zeitpunkt, wo ich mich beim Pflanzen für bestimmte Sorten entschieden habe, ist mein Einfluss auf die einzelnen Pflanzen sowieso sehr gering. Ich werde aus einer Zucchini keine Möhre machen. Und ich kann noch so sehr moralisch an die Gurkenpflanze appellieren: Erstens wird trotzdem aus ihr keine Tomate werden. Und zweitens werden meine moralischen Appelle auch nicht dazu führen, dass sie mehr Früchte entwickelt, wenn ich sie am falschen Standort angepflanzt habe oder sie nicht richtig gieße. Und meine MitarbeiterInnen werde ich auch nicht verändern. Und ich muss das auch nicht!

Gärten – und eben auch Organisationen – sind lebendige Systeme. Das gilt es unbedingt zu akzeptieren!

Und was passiert, wenn Gärtner versuchen, mit aller Macht (!) die Kontrolle über ein lebendiges System zu erlangen, lässt sich in deutschen Gärten wunderbar beobachten. (vgl. „Gärten des Grauens“ auf Facebook oder Instagram). Was bleibt, ist eine tote Wüste ohne Leben und Kreativität.

Was wir aber machen können: Das Beet beobachten und Schlüsse aus dem Verhalten ziehen. Wir können Pflanzen umsetzen und schauen ob sie an dem neuen Ort besser gedeihen. Und wir können kreativ mit dem umgehen, was sich organisch entwickelt.

Unkraut als Potential sehen

Wenn zum Beispiel das sogenannte Unkraut Giersch anfängt zu wuchern, kann man es ausreißen. Allerdings ist Giersch so extrem robust und verbreitet sich dermaßen beharrlich, dass es spätestens im nächsten Jahr noch stärker zurückkommt. 

Wenn ich die Ausbreitung von Giersch als Problem nehme und verschiedene Haltungen von Führung durchspiele:  

  • Die traditionelle tayloristische Führungskraft würde einen Schottergarten anlegen und notfalls Gift spritzen, um die Kontrolle auf Kosten der Lebendigkeit zu erlangen.
  • Eine Laisser-Faire Führungskraft würde nichts tun und hoffen, dass das organische System sich selbst organisiert.
  • Mit der Haltung der Improvisation dagegen sage ich: Egal was ich mir gewünscht und was ich geplant hatte – die Realität ist: Hier wächst Giersch. UND von hier aus mache ich kreativ weiter…und suche mir leckere Giersch Rezepte raus.
Denn so werde ich handlungsfähig und kreativ. Und ich lebe in der Realität, statt in einer Wunsch-Welt, die in Wahrheit nirgends existiert außer in meiner Vorstellung. Ich handle – aber erst nachdem ich die (momentane) Realität verstanden habe. Und ich weiß: Bald kann es wieder ganz anders aussehen.

Führungsimpulse im lebendigen System

Als Führungskraft kann ich entweder mithelfen, meine Organisation in einen Garten des Grauens zu verwandeln, alles mit Schotter zuschütten und jedes organische Leben, jede Lebendigkeit, jede Flexibilität vernichten. Oder ich kann zusehen, wie alles im Chaos versinkt.

Oder– und das wäre unsere Empfehlung: Mit der agilen Haltung der Improvisation kann ich Impulse setzen, beobachten, kleine Veränderungen vornehmen, das vitale Eigenleben des Systems unterstützen (und manchmal begrenzen). Denn alle Menschen (und Pflanzen) verfolgen immer positive Absichten und wollen wachsen und für jedes Verhalten gibt es gute Gründe. Dies zu verstehen, darum geht es. Verändern ohne Verstehen funktioniert nicht. 

Genau so wie es nichts nützt, an eine Zucchini zu appellieren, bitte eine Aubergine zu sein.

Elementar-Institut Blog

16. Juni 2026
„Der Chef hat immer Recht.“ Kaum ein Satz wirkt heute so aus der Zeit gefallen wie dieser, nicht nur wegen des sogenannten “generischen Maskulinums” in der Formulierung. Und trotzdem begegnet er uns noch erstaunlich oft - vielleicht eher selten offen ausgesprochen, häufiger als unausgesprochene Erwartung. Viele Führungskräfte scheinen zu glauben, sie müssten auf alles eine Antwort haben. Sie müssten wissen, was richtig ist, wohin die Reise geht und welche Entscheidung getroffen werden muss. Schließlich werden sie dafür bezahlt, oder? Ich halte das für einen Irrtum. Nicht weil Führungskräfte keine Entscheidungen treffen sollten, sondern weil die Vorstellung vom „Recht haben“ oft auf einem Missverständnis beruht. Das Problem mit dem richtigen Weg Richtige und falsche Antworten gibt es in der Realität eher selten. Wenn eine Maschine defekt ist, muss sie repariert werden. Wenn eine Rechnung falsch ist, wird sie korrigiert. Wenn ein Kunde nicht beliefert wurde, sollte man herausfinden, warum. Die meisten Herausforderungen in Unternehmen gehören allerdings nicht in diese Kategorie. Soll ein Unternehmen stärker wachsen oder stabiler werden? Ist Homeoffice besser oder Präsenz? Soll man einen neuen Markt erschließen oder das Kerngeschäft ausbauen? Sind klare Prozesse wichtiger oder mehr Eigenverantwortung? Bei solchen Fragen gibt es selten objektiv richtige Antworten. Stattdessen treffen unterschiedliche Interessen, Perspektiven und Unsicherheiten aufeinander. Der Organisationsforscher Karl Weick beschrieb Organisationen deshalb nicht als Maschinen, die man steuern kann, sondern als Systeme, die fortlaufend versuchen, Sinn aus einer komplexen Wirklichkeit zu erzeugen. Führung besteht in diesem Verständnis weniger darin, Wahrheiten zu verkünden, sondern gemeinsam Orientierung zu schaffen. Die Verlockung des Schwarz-Weiß-Denkens Trotzdem sehnen wir uns nach Klarheit. Das ist menschlich. Unser Gehirn liebt einfache Kategorien. Richtig oder falsch. Gut oder schlecht. Freund oder Feind. Dieses dualistische Denken kann in Notfällen sehr hilfreich sein. Wenn das Gebäude brennt, ist nicht der Moment für lange Debatten. Im normalen Führungsalltag führt es jedoch häufig in die Irre. Denn die meisten Herausforderungen moderner Unternehmen sind komplex. Unterschiedliche Sichtweisen können gleichzeitig plausibel sein. Mehr noch: Oft enthalten mehrere Positionen wichtige Teile der Wahrheit. Genau hier beginnt eine Fähigkeit, die in der Führungsforschung zunehmend an Bedeutung gewinnt: Ambiguitätstoleranz. Gemeint ist die Fähigkeit, produktiv zu bleiben, obwohl Informationen unvollständig, widersprüchlich oder mehrdeutig sind. Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz halten die Spannung zwischen verschiedenen Möglichkeiten aus, statt vorschnell zu einer einfachen Antwort zu greifen. Warum gute Führung nicht demokratisch sein muss Aber wenn Führungskräfte nicht automatisch Recht haben, bedeutet das dann, dass alle Entscheidungen demokratisch getroffen werden sollten? Nein. Ein Unternehmen ist keine Demokratie. Es kann nicht über jede strategische Frage abstimmen lassen. Irgendjemand muss Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen. Aber gute Führung unterscheidet sich dennoch deutlich von einem autoritären Verständnis von Macht. Denn Demokratie bedeutet nicht nur Mehrheitsentscheidungen. Historisch war sie immer auch eine Kultur der Argumente, des Widerspruchs und der Debatte. Genau das brauchen Unternehmen ebenfalls. Die Aufgabe einer Führungskraft besteht nicht darin, die klügste Person im Raum zu sein. Ihre Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass die besten Gedanken im Raum überhaupt gehört werden. Doch wer glaubt, immer Recht haben zu müssen, hört irgendwann auf zuzuhören. Komplexität reduzieren, nicht leugnen Hier liegt eine der anspruchsvollsten Aufgaben moderner Führung. Komplexität darf weder ignoriert noch ungefiltert an Mitarbeitende weitergegeben werden. Wer jede Unsicherheit verschweigt, erzeugt Scheinsicherheit. Wer jede Unsicherheit offen ausbreitet, erzeugt Überforderung. Gute Führung bewegt sich zwischen diesen Extremen. Sie nimmt die Vielschichtigkeit der Realität ernst. Sie hört unterschiedliche Perspektiven. Sie erkennt Widersprüche. Und dann übersetzt sie diese Komplexität in eine nachvollziehbare Richtung. Das bedeutet nicht: „Ich weiß genau, was richtig ist.“ Es bedeutet eher: „Auf Basis dessen, was wir heute wissen, erscheint dieser Weg sinnvoll. Und wenn die Realität uns neue Informationen liefert, passen wir unseren Kurs an.“ Das wirkt auf den ersten Blick weniger entschlossen als das klassische Bild des starken Anführers. Aber tatsächlich braucht es dafür deutlich mehr Mut. Orientierung statt Unfehlbarkeit In einer komplexen Welt ist die wichtigste Führungsleistung oft nicht das Liefern perfekter Antworten. Sie besteht darin, Orientierung zu geben, Entscheidungen zu treffen und gleichzeitig offen für neue Erkenntnisse zu bleiben. Denn Menschen folgen Führungskräften eben nicht, weil diese unfehlbar sind, sondern weil sie Vertrauen schaffen. Und Vertrauen entsteht erstaunlicherweise nicht dadurch, dass jemand immer Recht hat, sondern dadurch, dass jemand ehrlich mit Unsicherheit umgeht, unterschiedliche Perspektiven ernst nimmt und auch dann handlungsfähig bleibt, wenn die Welt komplizierter ist als eine einfache Ja-Nein-Antwort.
Ein Mann leidet an Kopfschmerzen
8. März 2026
„Es geht auch ums Weglassen.“ Dieser Satz sorgt in unseren Gesprächen mit Geschäftsführern und Führungskräften oft für ein kurzes Innehalten. Manchmal wird die Stirn gerunzelt, dann aber meist genickt. Denn natürlich will zunächst mal niemand zugeben, dass er überlastet ist. Und gleichzeitig erleben wir in vielen Unternehmen einen Dauerzustand des Mehr: mehr Projekte, mehr Initiativen, mehr Ziele, mehr Meetings. Das Ergebnis hat inzwischen sogar einen Namen in der Unternehmensentwicklung. Wir nennen das Optimisation Fatigue . Gemeint ist damit die Erschöpfung, die entsteht, wenn Organisationen sich in permanenten Optimierungsprozessen befinden. Jede Kennzahl soll steigen, jeder Prozess verschlankt, jede Abteilung effizienter werden. In der Theorie klingt das vernünftig. In der Praxis entsteht oft ein Dauerzustand latenter Überforderung. Psychologisch ist das kein Rätsel. Studien zu Optimisation Fatigue zeigen, dass zu viele parallele Veränderungsprozesse die Leistungsfähigkeit und Motivation von Mitarbeitenden messbar senken. Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, dauerhaft zwischen Prioritäten zu springen. Jede neue Initiative erzeugt kognitive Last. Wenn diese Last nicht durch klare Orientierung begrenzt wird, reagieren Menschen mit innerem Rückzug, Zynismus oder schlicht Erschöpfung. In der Organisationsentwicklung beobachten wir das regelmäßig: Nicht die Komplexität an sich macht müde, sondern das Gefühl, dass alles gleichzeitig wichtig ist. Die Verwechslung von Aktivität und Wirksamkeit In vielen Unternehmen hat sich eine Logik eingeschlichen, die man so zusammenfassen könnte: Wenn wir etwas verändern, bewegen wir uns vorwärts. Also verändern wir viel. Das Problem: Aktivität ist nicht gleich Wirksamkeit. Systemtheoretisch betrachtet erzeugt jede Intervention im Unternehmen Nebenwirkungen. Neue Tools verändern Kommunikationswege, neue KPIs beeinflussen Verhalten, neue Strategien verschieben Machtverhältnisse. Wer permanent optimiert, produziert permanent neue Komplexität - und versucht dann, diese Komplexität wiederum zu optimieren. Gerade in der Unternehmensentwicklung erleben wir, dass gut gemeinte Initiativen sich gegenseitig blockieren. Organisationsentwicklung wird dann zur Dauerbaustelle. Und irgendwann weiß niemand mehr genau, was eigentlich Priorität hat. Optimisation Fatigue ist in diesem Sinne weniger ein individuelles Problem als ein systemisches. Klarheit ist knapper als Ideen Ideen gibt es in Unternehmen fast immer genug. Was knapp ist, sind Fokus und Entscheidungskraft. Führung bedeutet daher nicht nur, neue Möglichkeiten zu eröffnen, sondern auch, Möglichkeiten bewusst zu schließen. Das fällt schwer, weil Weglassen oft wie Verzicht wirkt. In Wirklichkeit ist es eine strategische Entscheidung. Wir erleben in unserer Beratungsarbeit immer wieder: Wenn Führungskräfte den Mut haben, Projekte zu stoppen, Initiativen zu bündeln oder Ziele zu reduzieren, entsteht sofort spürbare Entlastung. Teams arbeiten dann nicht weniger engagiert, sondern im Gegenteil konzentrierter. Der Mythos der permanenten Verbesserung Es gibt eine kulturelle Erzählung, die tief in vielen Organisationen verankert ist: Wer nicht besser wird, wird schlechter. Stillstand gilt als Rückschritt. Diese Logik hat ihre Berechtigung, gerade in dynamischen Märkten. Aber sie wird problematisch, wenn sie absolut gesetzt wird. Kein System kann sich dauerhaft im Hochleistungsmodus befinden. Biologisch nicht. Psychologisch nicht. Und auch nicht organisatorisch. Gesunde Systeme kennen Phasen der Expansion und Phasen der Konsolidierung. Wer nur expandiert, verliert Stabilität. Wer nur konsolidiert, verliert Dynamik. Gute Organisationsberatung achtet deshalb auf Balance. Weglassen als Führungsaufgabe „Es geht auch ums Weglassen“ ist also kein romantischer Appell zur Entschleunigung. Es ist eine nüchterne Führungsaufgabe. Das beginnt bei der Strategie: Welche Themen zahlen wirklich auf unsere langfristige Ausrichtung ein? Und welche sind eher Reaktionen auf kurzfristige Impulse? Es setzt sich fort in der Organisationsentwicklung: Welche Strukturen sind tatsächlich notwendig? Welche Berichtsformate erzeugen mehr Arbeit als Erkenntnis? Welche Meetings dienen der Orientierung und welche nur der Absicherung? Und es betrifft die persönliche Ebene von Führungskräften. Wer permanent neue Optimierungsfelder eröffnet, sendet implizit die Botschaft: Es reicht noch nicht. Auf Dauer untergräbt das Motivation. Menschen wollen wachsen, aber sie wollen auch erleben, dass etwas gut genug ist. Orientierung heißt: ein klares Zielbild, überschaubare Prioritäten, transparente Entscheidungen. Es heißt auch, Widersprüche auszuhalten. Nicht jede Idee muss umgesetzt werden. Lebendige Systeme brauchen nicht nur Impulse, sondern auch Pausen.