Passionsspiele im Büro
12. März 2025
Vor einigen Jahren hatte ich ein Gespräch mit einem Mitarbeiter, der eine Gehaltserhöhung wollte. Ich habe abgelehnt. Seine Leistung, seine Rolle und das Gehaltsgefüge ließen das einfach nicht zu, und das habe ich ihm auch erklärt. Natürlich war der Mitarbeiter enttäuscht. Das ist verständlich und normal in einer solchen Situation. Was mir aber vor allem in Erinnerung geblieben ist, war seine Argumentation. Er sagte: “Aber ich stecke so viel Herzblut in meine Arbeit!”
Warum beschäftigt mich dieser Satz bis heute, lange nach unserer Zusammenarbeit?
Mit dem Wort “Herzblut” hat der Mitarbeiter das Thema Arbeit, und spezifisch das Thema Bezahlung, auf eine emotionale Ebene gebracht. Das ist in Ordnung, denn natürlich hat auch das an sich sehr rationale Modell von “Leistung gegen Geld” eine zutiefst persönliche Dimension. Der kalte Geldwert und der psychologische Selbstwert gehen an dieser Stelle eine Mischung ein, mit der man umsichtig umgehen muss. Gute Führungskräfte wissen das und finden für sich Wege, das zu tun.
Für mich steckt aber in dem “Herzblut”-Argument noch eine andere Komponente. Die Botschaft, die damals bei mir ankam, war: “Ich arbeite mit großer Leidenschaft – und dafür verdiene ich Anerkennung” – und darin liegt für mich eine große Schwierigkeit.
Die Idee, dass wir unserer Arbeit mit Leidenschaft nachgehen sollten, ist relativ neu. Früher war das höchstens Künstlern vorbehalten, vielleicht noch dem ein oder anderen besonders hingebungsvollen Handwerker. Der durchschnittliche Bauer stand beim Hahnenschrei aber wohl eher nicht mit dem Gedanken auf, heute das Feld mit ganz besonderem Feuer und Enthusiasmus zu bestellen. Auch die traditionelle Hausfrau hätte von sich wahrscheinlich nicht behauptet, für ihre Arbeit zu brennen und deswegen “die Extra-Meile zu gehen”. Arbeit musste erledigt werden, damit Brot auf dem Tisch, etwas Geld im Sparstrumpf und das Überleben der Kinder gesichert war. Den Job der Sinnstiftung übernahmen Religion, Dorfgemeinschaft und Familie.
Heute gibt es den Modebegriff des “Purpose”, der zumeist mit “Sinn” übersetzt wird, im Kern sogar als “Bestimmung” verstanden werden kann. Keine Marke, kein Arbeitgeber, so scheint es, kann sich erlauben, nicht auch diese hohen Ansprüche für die Mitarbeitenden zu erfüllen. Unternehmen werden zu einer zweiten Familie, Arbeit zu einer Art Ersatzreligion.
Natürlich ist überhaupt nichts Verkehrtes daran, seine tägliche Arbeit mit hoher Motivation und Engagement zu verrichten. Das altmodische Verständnis von Arbeit als frustrierender “Maloche”, die man nur für Geld erledigt, ist zum Glück längst überholt. Spaß bei und an der Arbeit ist ausdrücklich erlaubt. Und ja, man darf dabei auch gerne leidenschaftlich zur Sache gehen.
Der Begriff der Leidenschaft ist aber zweischneidig. Der erste Teil des Wortes sollte uns schon eine Warnung sein. Noch deutlich wird das beim Synonym “Passion”. Der Begriff steht schließlich sowohl für leidenschaftliche Hingabe – als auch für die christliche Leidensgeschichte. Und am Kreuz opfern sollte sich für seine Arbeit niemand.
Was ist also der richtige Weg im Umgang mit der Leidenschaft? In unserer Beratungsarbeit greifen wir gerne auf Prinzipien aus der Improvisation zurück. Eines davon lautet: “Sei engagiert!”. Nur wer sich mit all seiner naturgegebenen Neugier und Motivation – in anderen Worten seine Leidenschaft – einbringt, kann wirklich sein volles Potenzial ausschöpfen. Das hat aber im Kontext der Arbeit Implikationen für Führungskräfte und Mitarbeitende gleichermaßen.
Wenn die eigenen Leidenschaften so gar nicht zur Rolle in der Organisation und zur Erreichung der Unternehmensziele passen, dann sollte man sich dieses Missverhältnis bewusstmachen. Führungskräfte sind gut beraten, die Leidenschaften ihrer Mitarbeitenden zu kennen und für eine optimale Passung auf die jeweiligen Aufgaben zu sorgen. Als Mitarbeiter sollte man aber auch nicht erwarten, dass ein Unternehmen die Aufgabe der Sinnstiftung übernimmt. Diesen “Purpose” muss jeder eigenverantwortlich für sich definieren – und prüfen, ob die aktuelle berufliche Aufgabe dazu passt. Das eigene Herzblut ist zu wertvoll, um es sinnlos zu vergießen.
Elementar-Institut Blog

Sobald es draußen kalt wird, beginnt in vielen Unternehmen ein Ritual: Menschen kommen mit dickem Schal ins Büro, jemand stellt einen dampfenden Tee auf dem Konferenztisch ab, man hört die ersten Huster in Meetings. Ein saisonales Phänomen, klar, und doch ist es jedes Jahr aufs Neue der Moment, in dem viele Organisationen anfangen, besonders auf ihre Krankenstände zu schauen. Interessant ist allerdings weniger, dass Menschen im Winter häufiger ausfallen, sondern wie Unternehmen darauf reagieren. Kaum steigen die Zahlen, werden oft reflexartig Erklärungen gesucht - und nicht selten auch Schuldige. Doch hier gilt: Vorsicht vor simplen Erklärungen! Krankheit ist nicht eindimensional Natürlich gibt es körperliche Gründe für Ausfälle. Aber Arbeitsunfähigkeit entsteht heute aus einem viel breiteren Spektrum an Einflüssen: Ökonomische Entwicklungen verändern Berufsbilder und damit auch Risikoexpositionen. Anders gesagt: Der heutige Wissensarbeiter erlebt ein höheres Risiko für Burnout als der Fabrikarbeiter des Industriezeitalters, dafür deutlich weniger physische Gefahren. Emotionale Unsicherheiten können Menschen vorsichtiger machen und ihren Umgang mit Belastungen verändern. Die allgegenwärtigen Krisen verändern zwangsläufig unser Bewusstsein. Die psychische Gesundheit wird ernster genommen als früher, was zu mehr gesunder Reflexion führt, aber auch zu mehr Bereitschaft, mentale Probleme als Grund für eine Arbeitsunfähigkeit anzuerkennen. Und schließlich sind administrative Prozesse einfacher geworden, was den Zugang zu Krankschreibungen beschleunigen kann. Vieles davon hat mit Viren und Bakterien wenig zu tun. Es beschreibt vielmehr eine Arbeitswelt, die sich stark gewandelt hat. Wer das übersieht, landet schnell bei vermeintlich einfachen Lösungen und verfehlt den Kern dieses komplexen Problems. Die gefährlichste Annahme: „Die machen doch alle blau.“ Wenn Fehlzeiten steigen, ist das ein Signal. Und wie bei jedem Signal stellt sich zuerst die Frage, ob man es überhaupt richtig deutet. In manchen Unternehmen wird der Anstieg jedoch vorschnell als Hinweis auf mangelnde Arbeitsmotivation oder fehlende Loyalität interpretiert. Das ist selten zutreffend. Und wenn es doch zutreffen sollte, wird es erst richtig interessant! Denn dann ist nicht die Abwesenheit das Problem, sondern das Misstrauen im System. Was sagt es über eine Organisation aus, wenn Menschen lieber Krankheit simulieren, als offen zu sagen, was sie belastet? Was sagt es über Führung aus, wenn die Distanz zwischen Mitarbeitenden und Verantwortlichen so groß ist, dass ehrliche Gespräche gemieden werden? Ein erhöhter Krankenstand zeigt also häufig auf etwas Tieferes: Wie sicher sich Menschen fühlen, wie verbunden sie sich mit ihrer Aufgabe erleben, und wie viel Raum es für ehrlichen Austausch gibt. Unternehmen sind soziale Systeme, keine Statistiken In unserer Arbeit sehen wir immer wieder, dass Fehlzeiten isoliert betrachtet werden: als medizinisches Thema oder als individuelle “Entscheidung” der Mitarbeitenden. Doch Organisationen funktionieren systemisch. Belastungen entstehen selten zufällig und nie unabhängig vom Kontext. Manchmal spielen Rollenunklarheiten eine Rolle, manchmal ungelöste Konflikte, manchmal eine dauerhaft angespannte Arbeitslast. Und manchmal ist es die schlichte Tatsache, dass sich niemand traut, anzusprechen, was eigentlich offensichtlich falsch läuft. Deshalb führt die Frage “Warum sind bei uns so viele krank?” nur dann weiter, wenn man akzeptiert, dass es nicht die eine Ursache gibt. Es geht vielmehr um ein Muster, das im Zusammenspiel von Strukturen, Kultur, Kommunikation und Führung entsteht. Je ehrlicher man diese Zusammenhänge betrachtet, desto eher erkennt man, wie viele Möglichkeiten es gibt, darauf einzuwirken. Was Organisationen wärmer macht, wenn es draußen kalt ist Die Wintermonate erinnern uns jedes Jahr daran, dass Menschen nicht dauerhaft auf Höchstleistung laufen können. Sie sind keine Maschinen, deren Output durch Disziplin steuerbar wäre. Menschen reagieren sensibel auf Druck, Unsicherheit, Ambivalenzen und unausgesprochene Erwartungen. Organisationen und Führungskräfte, die darauf achten, schaffen ein Klima, in dem Krankheit nicht sofort als Störung wahrgenommen wird, sondern als Teil des menschlichen Alltags. Sie interpretieren Ausfälle nicht automatisch als Fehlverhalten. Sie führen Gespräche, ohne zu kontrollieren. Sie schaffen Struktur ohne Starrheit. Und sie erkennen an, dass Gesundheit – körperlich wie psychisch – immer auch eine unternehmenskulturelle Dimension hat. Es verändert die Stimmung merklich, wenn Teams erleben: Hier wird nicht spekuliert, sondern zugehört. Hier darf man offen ansprechen, was belastet - sei es eine Aufgabe, ein Konflikt oder ein persönliches Thema. Viele vermeintlich »krankenstandsrelevanten« Probleme lösen sich nicht in Arztpraxen, sondern in echten, zwischenmenschlichen Gesprächen. Der Winter als Einladung zur Reflexion Wenn jetzt wieder überall die dampfenden Teetassen auf den Schreibtischen stehen und die ersten Schnupfnasen auftauchen, kann man diese Zeit auch als Einladung lesen. Sie erinnert uns daran, wie verletzlich Menschen sind und wie wichtig der Umgang mit dieser Verletzlichkeit in Organisationen ist. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft der kalten Jahreszeit: Dass Wärme nicht nur entsteht, weil man die Heizung hochdreht, wenn es draußen kalt ist. Sondern weil eine Organisation in ihrem Inneren weiß, wie sie mit ihren Menschen umgehen sollte. Klicken Sie hier um mehr darüber zu erfahren, wie wir beim Elementar-Institut Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) betreiben!

Es ist jetzt fast dreißig Jahre her, dass ich den Filmklassiker Forrest Gump im Kino gesehen habe. Damals war ich ein Teenager, und wahrscheinlich habe ich die Hälfte des Films nicht wirklich verstanden. Aber ich erinnere mich noch sehr lebendig an diese Szene: Forrest Gump sitzt auf der Bank an der Bushaltestelle und erzählt der Dame neben ihm, dass ihm als Football-Star, Kriegshelden und nationaler Berühmtheit von seiner Heimatstadt Greenbow, Alabama, ein großartiger Job angeboten worden sei. Und im nächsten Bild sehen wir ihn auf einem fahrbaren Rasenmäher sitzen und das Gras auf dem Football-Feld mähen. Dafür gab es Gelächter im Kino. Und die Szene geht noch weiter: Sein Freund, Lieutenant Dan, investiert Forrests Geld in Apple-Aktien, was Forrest Gump unglaublich reich macht. Und dann sagt Forrest Gump zu der Dame neben ihm diesen Satz: “And because I was a gazillionaire and I liked doing it so much, I cut that grass for free.“ Und auch da wurde natürlich gelacht. Alle Menschen, die den Film gesehen haben, wissen, dass Forrest Gump einen eher unterdurchschnittlichen IQ hatte. Und die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer haben auch verstanden, dass er dennoch (und vielleicht auch ein bisschen genau darum) über eine enorme Weisheit verfügte. Ich bin mir aber nicht sicher, wie vielen klar ist, welche profunde Erkenntnis in der Rasenmäher-Anekdote steckt. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen? Ein Mann, dem aufgrund seiner Verdienste alle Türen offen stehen sollten, freut sich wie ein Kind, dass ihm ein Job ausgerechnet als Platzwart angeboten wird? Und dann verzichtet er auch noch freiwillig auf sein Gehalt? Das mag ja schön sein in kitschigen Hollywood-Filmen, aber in der ernsten Realität unserer Arbeitswelt ist das doch eher naiver Quatsch – oder? Irgendwann, an der Schwelle vom Kind zum Erwachsenen, wird uns klar gemacht, dass Arbeit und Vergnügen voneinander zu trennen sind. Es gilt: “Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.” Und, na klar: “Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps.” Und wer jetzt glaubt, das seien verstaubte alte Sprüche, der kann sich mal auf Business-Plattformen wie LinkedIn umschauen, wie oft die Maxime “Work hard, play hard” verkündet wird. Da geht es dann meistens um Vergnügungen im Kreis der Kolleginnen und Kollegen, wilde Partys, aufregende Teambuilding-Events, gemeinsame Reisen in die Sonne. Alles ein großer Spaß, den man sich aber vorher ausdrücklich durch besonders harte Arbeit verdient hat. Ich glaube nicht, dass Forrest Gump auf seinem Rasenmäher solche Gedanken hatte. Wer Tom Hanks in dieser Rolle sieht, spürt seine pure Freude und tiefe Befriedigung. Und das nicht etwa bei einer Arbeit, die besonders kreativ oder überhaupt nur produktiv ist. Sie ist auch weder hoch angesehen noch hochbezahlt. “Work hard, play hard” gibt es nicht für Forrest Gump – weil Arbeit und Spiel bei ihm eins sind. Und darin besteht das Geheimnis dieser Geschichte. Arbeit aus Spaß Wenn wir als Erwachsene an “Spielen” denken, dann meist entweder als Beschäftigung von Kindern oder als Hobby mit einem festen Satz an Regeln, wie beim Fußball zum Beispiel. Ziemlich sicher denken wir nicht an unsere Arbeit, mit der wir unser Geld verdienen. Aber warum zwingen wir uns zu dieser künstlichen Trennung? Vielleicht weil wir nur dem einen Wert zugestehen, was wir auch in Euro beziffern können? Oder weil wir der Arbeit einen ernsthaften Zweck beimessen, sie als “sinnstiftend” betrachten, ihr einen “Purpose” zuordnen? Warum auch sonst sollten wir diese Arbeit erledigen? “Aus Spaß” – das ist eine Antwort, die uns auf den ersten Blick irritiert. Sie scheint der nötigen Ernsthaftigkeit und Bedeutung unserer Arbeit nicht gerecht zu werden. Aber erlauben wir uns doch mal den Gedanken: Wie würde es denn aussehen, wenn wir unsere Arbeit einfach aus Lust und Laune machen würden? Vielleicht so wie Forrest Gump auf seinem Rasenmäher. Kickertisch und Lego im Büro? Wenn ich für die Betrachtung von Arbeit als Spiel plädiere, dann meine ich eines damit allerdings explizit nicht: den inzwischen zum Klischee verkommenen Kickertisch im Büro. Es geht nicht um eine unternehmenskulturell verordnete “Happiness”, die an unser Tagwerk gewissermaßen angeflanscht wird. Es geht um etwas, das viel tiefer in uns liegt: unsere Haltung, unser Blick auf das Leben insgesamt. Es geht um eine gedankliche Öffnung und das Einreißen der Barriere in unseren Gehirnen, die uns sagt, dass Arbeit in erster Linie ernst und hart zu sein hat, und Spaß bestenfalls ein willkommenes Nebenprodukt. Forrest Gump hatte das Glück, mit seiner spielerischen Einstellung geboren zu sein, und vor allem die intuitive Weisheit, sich auch später im Leben nicht davon abbringen zu lassen. Wir dagegen müssen diese spielerische Haltung neu lernen, weil wir sie in der Kindheit zurückgelassen haben. Und nochmal: Es geht dabei nicht darum, im nächsten Workshop mit Legosteinen zu arbeiten. Es ist eigentlich viel einfacher als das – und gleichzeitig schwer, weil es an unser Inneres geht. Aber das nächste Mal, wenn Sie in einem schwierigen Meeting sitzen, wenn die Ergebnisse schlechter sind als erhofft, oder wenn Sie Ärger mit einem Kollegen haben, erlauben Sie sich einfach mal den Gedanken: “Das hier ist ein Spiel, das wir zusammen spielen.” Und dann schauen Sie mal, was das mit Ihnen macht.
